Geschichte & Orte

Dwasieden – das gesprengte Schloss am Meer

Versteckt im Wald bei Sassnitz liegen die Überreste von Schloss Dwasieden. Säulen, Pavillons, Fußböden und Kellerräume erinnern an einen außergewöhnlichen Landsitz, der den Zweiten Weltkrieg überstand und erst 1948 gesprengt wurde.

Wer heute durch den Wald bei Sassnitz läuft, würde an dieser Stelle wohl kaum ein Schloss erwarten. Zwischen den Bäumen tauchen zunächst einzelne Säulen und Mauerreste auf. Dann werden Grundrisse sichtbar, Fußböden, Treppen und offene Kellerräume. Je länger man sich auf dem Gelände bewegt, desto deutlicher wird, dass hier einmal ein außergewöhnlich großes und aufwendig gestaltetes Gebäude gestanden haben muss.

Ich hatte mit einer Ruine gerechnet. Überrascht hat mich dennoch, wie viel sich noch erkennen lässt. Die verbliebenen Bauteile wirken nicht wie die letzten Spuren eines allmählich zerfallenen Hauses. Massive Säulen stehen noch immer aufrecht, geflieste Böden liegen offen zwischen Laub und Moos, und in den Kellerräumen sind ganze Raumfolgen erhalten geblieben.

Gerade dieser Gegensatz macht Dwasieden für mich so faszinierend: Das eigentliche Schloss ist verschwunden, seine Architektur aber an vielen Stellen noch lesbar. Es wurde nicht während des Krieges zerstört. Das Gebäude stand nach 1945 noch – und wurde erst drei Jahre später gesprengt.

Ein Landsitz für Adolph von Hansemann

Die Geschichte von Dwasieden beginnt mit dem Berliner Bankier Adolph von Hansemann. Er gehörte zu den einflussreichen Unternehmern des Deutschen Kaiserreichs und leitete die Disconto-Gesellschaft, eines der bedeutendsten deutschen Kreditinstitute seiner Zeit.

Ab 1872 erwarb Hansemann umfangreiche Ländereien südwestlich von Sassnitz. Auf einer Anhöhe über der Ostsee ließ er einen repräsentativen Landsitz errichten. Mit der Planung beauftragte er den Berliner Architekten Friedrich Hitzig, einen Schüler Karl Friedrich Schinkels. Hitzig hatte sich bereits mit Villen und herrschaftlichen Wohnhäusern einen Namen gemacht und war später unter anderem Präsident der Preußischen Akademie der Künste.

Die Bauarbeiten begannen 1873. Bis 1877 entstand auf dem Dwasiedener Hochufer ein Schloss, das sich deutlich von den älteren Herrenhäusern Rügens unterschied. Es war kein über Generationen gewachsener Adelssitz, sondern ein bewusst inszenierter Neubau der Gründerzeit – finanziert durch den wirtschaftlichen Erfolg seines Bauherrn.

Schloss Dwasieden, kurz nach seiner Fertigstellung (1877)

Das weiße Schloss am Meer

Das zweigeschossige Hauptgebäude besaß einen nahezu quadratischen Grundriss. Zwei turmartige Aufbauten überragten das Dach. An den Seiten schlossen sich lange Säulengänge an, die zu offenen, tempelartigen Pavillons führten. Vom Schloss und den Terrassen reichte der Blick über den Park bis zur Ostsee.

Ansicht von der Seeseite (Architekturzeichnung, 1879)

Für die Fassaden und die Innenräume wurden ungewöhnlich hochwertige Materialien eingesetzt. Granit, heller Naturstein und Marmor prägten das Erscheinungsbild. Gerade die hellen Oberflächen brachten dem Gebäude später die Bezeichnung „weißes Schloss am Meer“ ein. Auch der Marstall südlich des Schlosses wurde mit großem gestalterischem Aufwand errichtet und in das Gesamtbild der Anlage einbezogen.

Grundriss des Schlosses (1879)

Der historische Grundriss hilft dabei, die heutigen Fragmente zu verstehen. Die beiden seitlichen Säulengänge bildeten gemeinsam mit dem Hauptbau und den Pavillons eine streng symmetrische Anlage. Was im Wald zunächst wie eine lose Folge einzelner Mauerstücke wirkt, gehörte zu einem klar gegliederten architektonischen Entwurf.

An einigen Stellen lässt sich diese Ordnung noch heute nachvollziehen. Säulen stehen in einer Reihe, Maueransätze markieren frühere Räume, und erhaltene Bodenflächen zeigen, wo man sich innerhalb des Gebäudes bewegt hätte. Die offenen Pavillons an den Enden der Kolonnaden gehören zu den auffälligsten Resten der Schlossanlage.

Park, Innenräume und gesellschaftliches Leben

Zum Schloss gehörte ein rund 100 Hektar großer Landschaftspark. Wege führten durch das Gelände, verbanden Schloss, Wirtschaftsgebäude und Aussichtspunkte und öffneten immer wieder den Blick zur Ostsee. Zeitgenössische Beschreibungen zählten den Park zu den schönsten Anlagen Norddeutschlands.

Halle des Mittelbaus (1879)

Auch die Innenräume waren auf Repräsentation ausgelegt. Eine große Halle bildete das Zentrum des Gebäudes. Salons, Speisezimmer und Wohnräume waren mit Marmor, Holzarbeiten, Gemälden und kostbarem Mobiliar ausgestattet. Dwasieden war allerdings nicht nur Kulisse. Die Familie von Hansemann nutzte das Anwesen über Jahrzehnte als Landsitz.

Adolph von Hansemann starb 1903. Das Gut blieb zunächst im Besitz der Familie. Mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Unterhalt einer derart großen Anlage jedoch zunehmend schwieriger. Pläne für neue Nutzungen – darunter ein Kunstzentrum oder ein Spielkasino – wurden diskutiert, aber nicht verwirklicht.

Der Marstall

Bevor man die eigentlichen Schlossreste erreicht, kann der Marstall leicht zum beherrschenden Bauwerk des Geländes werden. Anders als der gesprengte Hauptbau steht er noch in großen Teilen. Seine Fassade, Rundbögen und Schmuckelemente lassen den früheren Anspruch der Anlage unmittelbar erkennen.

In den Details wird seine ursprüngliche Funktion sichtbar. Pferdeköpfe und Wappen gehören ebenso zum Fassadenschmuck wie sorgfältig gearbeitete Säulen und Kapitelle. Zugleich zeigt das Gebäude die späteren Schäden deutlich: Nach einem Brand im Jahr 1997 blieben vor allem die Außenmauern erhalten.

Der Marstall vermittelt deshalb heute einen geschlosseneren Eindruck als die Schlossruine, obwohl auch er nur noch ein Fragment ist. Für die Vorstellung vom früheren Gesamtkomplex ist er dennoch besonders wertvoll. An ihm lässt sich ablesen, welcher gestalterische und materielle Aufwand selbst bei einem Nebengebäude betrieben wurde.

Vom Landsitz zum Militärgelände

In den 1930er-Jahren endete die private Nutzung. Die Familie verkaufte Dwasieden an die Gemeinde Sassnitz. Kurz darauf übernahm die Kriegsmarine das Gelände und bezog es in die Schiffsartillerieschule ein. Im Schloss wurde eine Entfernungsmessschule eingerichtet; im Park entstanden Kasernen und weitere militärische Gebäude.

Damit veränderte sich der Charakter Dwasiedens grundlegend. Aus dem privaten Landsitz wurde ein Teil eines weitläufigen Militärstandortes. Das Schloss blieb dabei als Gebäude bestehen und erhielt eine neue Funktion.

Am 6. März 1945 wurde Sassnitz bei einem Luftangriff schwer getroffen. Auch im Umfeld von Dwasieden entstanden Schäden. Das Schloss selbst überstand den Krieg jedoch. Nach Kriegsende nutzte zunächst die Rote Armee das Gelände. Anschließend wurden zeitweise Flüchtlingsfamilien in den vorhandenen Gebäuden untergebracht.

Die Sprengung von 1948

Im Frühjahr 1948 wurden das Schloss und zahlreiche Gebäude des früheren Militärkomplexes gesprengt. Übrig blieben Teile der seitlichen Pavillons, Säulen, Fundamente und Kellerräume. Der Marstall entging der Sprengung.

Der Vorgang selbst ist belegt, seine Begründung wird in den Darstellungen jedoch nicht einheitlich erklärt. Häufig wird die Zerstörung mit dem SMAD-Befehl Nr. 209 in Verbindung gebracht. Dieser sah unter anderem vor, Baumaterial aus Gebäuden enteigneter Güter für den Aufbau von Neubauernhöfen zu gewinnen. Für Dwasieden werden außerdem die vorausgegangene militärische Nutzung und aufgegebene Pläne für eine zivile Nachnutzung genannt.

Eine Saßnitzer Aktennotiz vom 16. April 1948 hält fest, dass die Gemeindevertretung einen Beschluss des Kreises zur Sprengung zur Kenntnis nahm. Sie belegt damit die Entscheidung, beantwortet aber nicht abschließend, welches Motiv im konkreten Fall ausschlaggebend war.

Dwasieden wurde somit nicht unmittelbar durch Kampfhandlungen zur Ruine. Zwischen dem Kriegsende und der Zerstörung lagen mehrere Jahre, in denen das Gebäude noch genutzt wurde. Erst die gezielte Sprengung schuf den Zustand, dessen Spuren heute im Wald liegen.

Was von der Architektur geblieben ist

Die Sprengung hat das Schloss nicht vollständig ausgelöscht. Vieles wurde auseinandergerissen, blieb aber als massives Bauteil erhalten. Säulentrommeln liegen zwischen Bäumen, Kapitelle stehen am Rand ehemaliger Räume, und an manchen Mauern lassen sich noch Verkleidungen oder konstruktive Anschlüsse erkennen.

Besonders eindrucksvoll fand ich die erhaltenen Fußböden. Wo Dächer, Wände und ganze Geschosse fehlen, markieren Fliesen noch immer frühere Innenräume. Sie geben dem abstrakten Grundriss einen menschlichen Maßstab: Hier wurde nicht nur gebaut und repräsentiert, hier gingen Menschen durch Flure und Zimmer.

Unterhalb der zerstörten Geschosse sind Teile der Kelleranlage zugänglich oder zumindest einsehbar. Die langen Gänge und Gewölbe machen deutlich, wie groß das Hauptgebäude gewesen sein muss. Gleichzeitig gehören sie zu den Bereichen, in denen der heutige Zustand am stärksten an einen klassischen Lost Place erinnert.

Trotzdem ist „Verfall“ für mich nicht das treffende Wort für die gesamte Anlage. Die sichtbaren Überreste sind beschädigt, überwachsen und seit Jahrzehnten der Witterung ausgesetzt. Viele von ihnen wirken jedoch erstaunlich widerstandsfähig. Gerade die Qualität der verwendeten Materialien dürfte dazu beigetragen haben, dass Böden, Säulen und Fassadenteile bis heute erkennbar geblieben sind.

Dwasieden nach 1948

Das Gelände blieb auch nach der Sprengung militärisch geprägt. In der DDR nutzte es die Volksmarine, die vorhandene Gebäude übernahm und weitere Anlagen errichtete. Der Bereich war über Jahrzehnte nicht öffentlich zugänglich.

Nach 1990 endete die militärische Nutzung. Verschiedene Investoren und Eigentümer entwickelten Pläne für Hotels, Ferienanlagen oder einen Wiederaufbau, ohne dass daraus bislang eine dauerhafte neue Nutzung des Schlossareals entstand. Der Brand des Marstalls im Jahr 1997 verursachte zusätzliche schwere Schäden.

Zwischen den Resten des Schlosses stehen deshalb heute auch Gebäude und Anlagen aus späteren Zeiten. Sie machen Dwasieden nicht zu einem eingefrorenen Ort des 19. Jahrhunderts, sondern zu einem Gelände mit mehreren übereinanderliegenden Nutzungsschichten.

Das Schloss im Wald

Bei meinem Besuch im Oktober 2025 war es gerade diese Mischung, die mich lange auf dem Gelände hielt. Eine historische Gesamtansicht zeigt ein geschlossenes, symmetrisches Schloss. Vor Ort muss man sich dieses Gebäude dagegen aus einzelnen Fragmenten wieder zusammensetzen.

Der Grundriss verbindet einen Säulengang mit einem Pavillon. Eine alte Aufnahme erklärt, zu welchem Raum ein erhaltener Fußboden gehörte. Die mächtigen Steinblöcke im Wald lassen erahnen, mit welchem Aufwand das Schloss errichtet worden war – und welche Kraft notwendig gewesen sein muss, um es zu sprengen.

Dwasieden ist deshalb mehr als eine fotogene Ruine. Der Ort erzählt von wirtschaftlichem Aufstieg und repräsentativer Architektur, von privatem Leben, militärischer Nutzung und einer gezielten Zerstörung nach dem Krieg. Heute stehen davon keine vollständigen Räume mehr über der Erde. Dennoch ist erstaunlich viel geblieben.

Im Oktober 2026 möchte ich Dwasieden erneut besuchen. Bis dahin können sich Vegetation, Zugänglichkeit und einzelne Bereiche verändert haben. Vielleicht werden mir nach einem Jahr auch andere Details auffallen. Dieser Text und die Fotografien halten zunächst den Zustand fest, in dem ich das Gelände im Oktober 2025 erlebt habe.

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Quellen und Links