Historische Bücher und Schriften zu digitalisieren bedeutet mehr, als alte Seiten einzuscannen und die entstandenen Bilder ins Internet zu stellen. Wirklich interessant wird es, wenn aus diesen Bildern wieder Texte werden – Texte, die durchsucht, kopiert, zitiert und von Suchmaschinen gefunden werden können.
Mit genau solchen historischen Schriften beschäftigt sich die Datenlaube des Dresdner Geschichtsvereins. Die Arbeit daran ist keineswegs abgeschlossen: Auch heute werden historische Quellen digitalisiert, transkribiert und korrigiert.
Und mitmachen kann grundsätzlich jeder.
Mein Weg zur Datenlaube
Als ich vor einigen Jahren Mitglied im Dresdner Geschichtsverein wurde, wollte ich nicht nur Mitglied sein, sondern mich auch aktiv in die Vereinsarbeit einbringen. Mein erster Anlaufpunkt war die Datenlaube.
In dieser Gruppe treffen sich IT-affine Geschichtsinteressierte – sowohl Mitglieder des Geschichtsvereins als auch Menschen von außerhalb des Vereins. Schon der Name verbindet dabei Geschichte und Digitalisierung: Er ist eine Anspielung auf die historische Zeitschrift „Die Gartenlaube".
Eines der Themen, mit denen sich die Datenlaube beschäftigt, ist die Digitalisierung und Transkription historischer Schriften. Als Plattform dafür dient Wikisource, ein Schwesterprojekt der Wikipedia.
Für mich passte das ziemlich gut zusammen: mein beruflicher Hintergrund in der IT auf der einen und mein Interesse an Geschichte, insbesondere an der Geschichte Dresdens, auf der anderen Seite.
Ein über 100 Jahre altes Heft aus meinem Bücherregal
Eines dieser Projekte konnte ich selbst von Anfang bis Ende begleiten.
In meinem Besitz befindet sich ein Exemplar der Schrift „Fünfzig Jahre Verein für Geschichte Dresdens 1869–1919" von Georg Hermann Müller. Das 1919 in Dresden erschienene Heft beschäftigt sich mit den ersten fünf Jahrzehnten des Dresdner Geschichtsvereins.
Was lag also näher, als ausgerechnet diese Schrift gemeinsam zu digitalisieren?
Damit begann ein Prozess, bei dem aus dem Buch in meinem Regal Schritt für Schritt eine frei zugängliche digitale Edition entstand.
Ein Scan ist noch kein durchsuchbarer Text
Der erste Schritt liegt auf der Hand: Die einzelnen Seiten des Originals müssen digitalisiert werden.
Damit ist das Buch zwar als Scan verfügbar, zunächst aber vor allem in Form von Bildern. Ich kann die Seiten am Bildschirm betrachten und lesen. Für eine digitale Recherche ist das jedoch nur bedingt hilfreich.
Interessiere ich mich beispielsweise dafür, ob eine bestimmte Person, Straße oder Einrichtung in einem historischen Werk erwähnt wird, müsste ich im ungünstigsten Fall weiterhin Seite für Seite lesen.
Genau an dieser Stelle kommt die Transkription ins Spiel.
Der Inhalt der eingescannten Seiten wird zusätzlich als Text erfasst. Aus dem Bild einer Buchseite entsteht dadurch maschinenlesbarer Volltext.
Das verändert die Möglichkeiten, mit einer historischen Quelle zu arbeiten, erheblich. Der Text kann durchsucht und kopiert werden. Einzelne Stellen lassen sich leichter zitieren. Vor allem können die darin enthaltenen Informationen über digitale Suchmöglichkeiten erschlossen und damit überhaupt erst leichter gefunden werden.
Gerade für die Lokalgeschichte halte ich das für besonders wertvoll. Manchmal ist es nicht das große historische Ereignis, nach dem gesucht wird, sondern der Name einer einzelnen Person, eines Gebäudes oder einer längst verschwundenen Straße. Eine solche Information kann irgendwo auf einer einzelnen Seite eines ansonsten kaum bekannten Buches verborgen sein.
Wie funktioniert das bei Wikisource?
Wikisource verbindet die Abbildung der historischen Quelle mit ihrer Transkription.
Bei der Bearbeitung einer Seite befindet sich der Scan der Originalseite direkt neben dem erfassten Text. Dadurch lässt sich beides unmittelbar miteinander vergleichen.
Die Aufgabe besteht nun darin, den Text möglichst genau so wiederzugeben, wie er in der Vorlage steht.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, den historischen Text sprachlich zu modernisieren oder zu verbessern. Alte Schreibweisen gehören ebenso zur Quelle wie ungewöhnliche Formulierungen oder die damalige Zeichensetzung.
Historische Druckschriften machen die Arbeit allerdings manchmal anspruchsvoll. Frakturschrift, alte Schreibweisen, Druckfehler oder schlecht erhaltene Vorlagen können dafür sorgen, dass man etwas genauer hinsehen muss.
Eine Seite selbst bearbeiten
Wer selbst einmal ausprobieren möchte, wie eine Transkription oder Korrektur funktioniert, benötigt dafür kein eigenes historisches Buch.
Bei Wikisource existieren zahlreiche bereits digitalisierte Werke, an denen noch gearbeitet wird.
Eine noch zu bearbeitende Seite lässt sich im entsprechenden Werk öffnen. In der Bearbeitungsansicht steht die eingescannte Originalseite zur Verfügung und der dazugehörige Text kann bearbeitet werden.
Nun beginnt im Grunde eine historische Form der Fehlersuche: Stimmt der erfasste Text mit der Vorlage überein? Fehlt ein Wort? Wurde ein Buchstabe falsch erkannt? Stimmen Satzzeichen und Absätze?
Wer schon einmal einen Text Korrektur gelesen hat, kennt das Prinzip.
Nach der Bearbeitung wird der entsprechende Bearbeitungsstand der Seite angegeben. Wikisource verwendet unterschiedliche Korrekturstufen, damit eine Transkription nicht allein aufgrund der Arbeit eines einzelnen Benutzers als endgültig angesehen wird.
Vier Augen sehen mehr als zwei
Genau darin liegt ein wesentlicher Bestandteil von Wikisource: die gemeinschaftliche Korrektur.
Eine einmal transkribierte Seite gilt nicht automatisch als fertig. Andere Benutzer vergleichen den Text erneut mit dem Scan und übernehmen eine weitere Korrektur.
Dadurch muss auch niemand ein komplettes Buch allein bearbeiten.
Bei anderen Projekten bestand meine eigene Arbeit häufig nicht darin, ein neues Werk einzuscannen und vollständig zu erfassen. Stattdessen habe ich bereits vorhandene Scans transkribiert oder die Transkriptionen anderer Nutzer korrigiert.
Viele Menschen können so jeweils einige Seiten bearbeiten – und gemeinsam entsteht daraus nach und nach ein vollständig erschlossener historischer Text.
Genau dieses Prinzip wird von der Datenlaube und anderen Wikisource-Aktiven auch heute weitergeführt.
Wo kann ich mitmachen?
Ein besonders einfacher Einstieg sind die „Korrekturen des Monats" bei Wikisource.
Dort werden aktuelle Projekte gesammelt, bei denen noch Unterstützung benötigt wird. Man muss also nicht erst selbst nach einem geeigneten historischen Werk suchen, sondern kann sich eines der laufenden Projekte aussuchen.
Je nach Bearbeitungsstand können dort beispielsweise noch nicht vollständig erfasste Seiten bearbeitet oder bereits transkribierte Seiten mit dem Original verglichen und korrigiert werden.
Man muss dafür weder Historiker sein noch Mitglied im Dresdner Geschichtsverein werden. Hilfreich sind vor allem etwas Geduld, Genauigkeit und die Bereitschaft, sich bei unbekannten Schriftzeichen oder historischen Schreibweisen auch einmal festzubeißen.
Für die ersten Schritte gibt es bei Wikisource außerdem ausführliche Hilfeseiten. Bei Fragen steht mit dem Skriptorium ein zentraler Ort für Diskussionen zur Verfügung.
Wer später selbst eine historische Schrift digitalisieren und als neues Projekt einstellen möchte, sollte sich zusätzlich mit den Regeln für neue Projekte und der Projektbörse beschäftigen.
Aus vielen einzelnen Seiten entsteht eine digitale Quelle
Unser damaliges Projekt „Fünfzig Jahre Verein für Geschichte Dresdens 1869–1919" ist inzwischen vollständig fertiggestellt.
Das gedruckte Exemplar von 1919 steht weiterhin bei mir im Bücherregal. Sein Inhalt ist heute aber nicht mehr an dieses eine Exemplar gebunden. Jeder kann das Werk bei Wikisource lesen und darin recherchieren.
Genau darin liegt für mich der eigentliche Wert dieser Arbeit.
Historische Quellen zu bewahren ist wichtig. Sie digital zu erschließen, geht noch einen Schritt weiter. Eine Erwähnung, die mehr als hundert Jahre unbeachtet auf irgendeiner Buchseite stand, kann durch die Transkription bei einer heutigen Recherche plötzlich wieder auftauchen.
Für jemanden, der sich wie ich viel mit der Geschichte Dresdens beschäftigt, ist das ein enormer Gewinn. Historische Forschung besteht schließlich nicht nur aus bekannten Büchern und großen Archiven. Oft sind es gerade kleine Quellen und beiläufige Erwähnungen, die eine Verbindung herstellen oder eine offene Frage beantworten.
Und diese Arbeit geht weiter.
Wer selbst einen kleinen Beitrag dazu leisten möchte, kann mit einer einzigen Seite anfangen. Vielleicht zehn Minuten vergleichen, korrigieren und speichern. Niemand muss gleich ein ganzes Buch digitalisieren.
Aus vielen solcher einzelnen Beiträge entsteht am Ende etwas Dauerhaftes: Historische Quellen werden nicht nur bewahrt und für jeden zugänglich, sondern ihre Inhalte werden auch wieder auffindbar.